Interpretationen

… sind teuflisch, so lange sie wertender Natur sind. Implizieren sie doch, dass entweder Autor oder Leser einen Fehler gemacht haben: einen Text zu verfassen, den niemand versteht bzw. einen Text zu lesen, ohne den Sinn zu begreifen. So ist das allpropagierte Mittlertum zwischen Text und Leser lediglich eine Kontrathese, die sich schon im Vorhinein aufbäumt, über den Text stellt und schreit: der Mensch ist fehlerhaft!

Anders verhält es sich bei der künstlerischen Interpretation von Texten oder besser noch musikalischer Kompositionen. Hier wird mit dem Grundmaterial gespielt, es wird neu eingeordnet, Bedeutungen werden verliehen und nicht festgezurrt. Der Autor/Komponist muss sein Werk nicht selbst kommentieren oder bestätigen, sondern errichtet lediglich das Basislager, von dem aus andere Begabte zu neuen Gipfeln stürmen können.

So ist m. E. Interdisziplinarität in Bezug auf wertende Interpretation (in Kritik inbegriffen) ein sehr schwieriges Unterfangen und jeder, der sich als Tausendsassa in kulturellen Angelegenheiten begreift, sollte über diesen Punkt nachdenken, bevor er zur Tat schreitet.

Fehlt noch die visuelle/bildende Kunst. Auch hier überwiegt der kritische/wertende Part. Wobei der Kritiker hier freier agieren und auch schon mal Grenzen überschreiten darf. Eine künstlerische Interpretation wird leicht als Versuch der Imitation missverstanden.

Also gibt es gute und schlechte Interpretationen? Ich würde sagen, schlecht ist es, anderen seine Meinung aufzwingen zu wollen, sei es in künstlerischer oder wertender Absicht. Bereiche, in denen alle Beteiligten Spielräume haben, sich entwickeln und entfalten können, sind bei der relativierenden Analyse zu priorisieren.