150.000.000 neue Fans

(gewidmet dem Song „Wherever I May Roam“ von Metallica)

Freitag, 16. März 4491

Der Empfänger liegt unter schwarzem Seidentuch, das an einer stählernen Bahre herunterhängt. Er bewegt sich nicht, aber es wird keine drei Minuten dauern, dann durchfahren ihn die Stromstöße und er wird zucken, zucken und nochmals zucken. Wenn er ausgezuckt hat, wird der Supervisor hereinkommen, das Tuch wegnehmen und Mr. H. mit freundlichem Gesichtsausdruck in seinem neuen Körper begrüßen. Wer das ist, dieser H.? Nun, viele von euch kennen sein Gesicht, er war vor zweieinhalb Jahrtausenden ziemlich erfolgreich als Sänger einer Heavy-Metal-Band, geriet zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit, hat nun aber wieder eine große Fangemeinde. Millionen von Musikliebhabern auf der ganzen Welt warten auf seine fünfte Hirnweihe, seine xte Wiederauferstehung und natürlich auf das erste Livekonzert nach dem Verlust seines Vorgängers – dieser hatte wie alle anderen Gehirnkopien vor ihm irgendwann die Schnauze voll vom Business und ist dann von den Stadionbühnen wie auch von der Bühne des Lebens verschwunden, puff – weg. Man munkelt, dass er irgendwo als Teilzeitclochard herumstreift und mit pubertären Vögeln in endlosen Pfeifkonzerten dahindebattiert …

„Jetzt aber zack, zack!“ befiehlt der Supervisor. Schließlich wollen die Fans etwas für ihr Geld geboten bekommen. Die erste Tour ist bereits gebucht, die Reihenfolgen der Songs stehen fest, die Groupies draußen Schlange, die Herzen still. Ein paar Knöpfe werden gedrückt, einige Regler bedient, und schon ist alles bereit für die Reinkarnation. Bald wird Strom aus totem Gewebe lebendiges Fleisch machen, das auf dem heutigen Organmarkt nicht viel Wert besäße, denn während der Züchtung des menschlichen Seelenwirts hat man peinlich genau darauf geachtet, dass der Körper an genau denselben Stellen von Bakterien, Säuren und Giften zersetzt wird wie das tiefgefrorene Original – Stellen, die der Gehirnkopie später als „Zuchtfehler“ verkauft werden würden, obwohl gerade sie genau jene Perfektion darstellten, die dem Originalkörper früher seine ausdrucksstarke Stimme verliehen hat, mit der er die Massen begeisterte. Andere Gehirne von weniger bekannten Persönlichkeiten, die ihre Hirne zwar eingefroren hatten, aber noch nicht über die nötige Liquidität verfügten sich selbst wiederauferstehen zu lassen, wurden als sogenannte „Operators“ eingestellt. Als solche hatten diese Nonames den Körper von Mr. H. unter heftigen Schmerzen erduldet, hatten seine zuckenden Muskeln am Leben erhalten, bis auch sie ihr Schmerzlimit erreicht und einen Operator niedrigeren Ranges rangelassen hatten, der besser für Nahtoderfahrungen wie diese ausgebildet war, mehr Qualen erdulden konnte und dementsprechend auch besser bezahlt wurde. Als Operator machte man nur deshalb Karriere, um den qualvollen Schmerzen zu entgehen, die manche Reinkarnationen mit sich brachten. Der Prozess der Originalisierung war nämlich stets ein qualvoller, besonders bei Heavy-Metal-Sängern oder Möchtegernvampiren. Einige Teile des Seelenwirts hatte man mit Drogen und Nikotin einfach so weggeätzt, nur um seine Stimme genau so klingen zu lassen wie die des Originals.

Der Supervisor betätigt den finalen Schalter auf dem Touchscreen – in seiner kleinen Machtzentrale hört er nicht, wie sich die elektromagnetischen Spulen unter ohrenbetäubendem Lärm aufladen und dem Seelenempfänger immer und immer wieder Stöße verpassen. Bäng, bäng, bäng! Die ganze Prozedur gleicht der totalen Wiederbelebung aller Sinne, die keine Chance mehr haben sich gegen die starken Elektroimpulse zu wehren. Der Körper bäumt sich auf, das Tuch zuckt mit, als würde jemand darunter wie wild auf einer E-Gitarre spielen, als würde die Seele des Sängers und Gitarristen so lange in den Wirt hineingeprügelt, bis sich eine gewisse Kompatibilität einstellt, bis Seele und Wirt miteinander Frieden schließen und in Symmetrie dahinzucken. Immer wieder wird der Seelenwirt von elektrischen Ladungen gepackt, gehoben und dann in die Bewusstlosigkeit hinein fallen gelassen. Der Lärm, den man im Observationsraum nicht hören kann, wird abgelöst von anderem Lärm, den man dort ebenfalls nicht hören kann. Denn nur der „Star“ unserer kleinen Geschichte, der wiederauferstandene Mr. H., soll jene ihm wohlbekannten Klänge vernehmen, die nun aus den acht Sphärenlautsprechern direkt auf ihn eindröhnen. Es handelt sich dabei natürlich um dieselbe Musik, die er vor Jahrtausenden selbst erfunden hat. Bäng, bäng, bäng! Die schwarzen Rosen, die man auf den Boxen platziert hat, rumpeln und drohen, herunterzufallen.

Mr. H. öffnet die Augen. Undurchdringliche Schwärze. Oder … Moment. Das ist nur ein Tuch. Nach einigen Bewegungen liegt es auf dem Boden. Er blickt in einen Raum angefüllt mit Technik, Kabeln, Staub. Sein Herz pocht und pocht und pocht und pocht – ganz wie ein gutes Drumset. Doch selbst das nimmt er nicht richtig wahr, denn sein Empfangskomitee trägt den Titel “Heiliger als du“ und wird ihm mit übervoller Phonstärke in den neuerweckten Hörnerv gepustet, so dass er absolut sicher sein kann, der einzige zu sein, den dieser Song auch wirklich etwas angeht, denn – so erinnert er sich jetzt – er hat ihn vor Urzeiten ja selbst geschrieben. Auch dass er sich weit in der Zukunft befindet weiß er jetzt, denn die in seinem Gehirn vorinstallierte Bewusstseinskopie, die sich jetzt langsam wieder an ihren ursprünglichen Körper gewöhnt, weiß neben allen biorhythmischen Daten auch, welchen Deal Mr. H. damals eingegangen ist. Um der schmerzvollen Zersetzung durch Bakterien und andere Kleinstlebewesen – auch Tod genannt – zu entgehen, hat er sein Gehirn und wichtige Teile seines Körpers einfrieren lassen, bis jemand die richtige Maschine erfunden hätte, ihn wiederauferstehen zu lassen, was vor genau 893 Jahren und 76 Tagen in Person eines dänischen Wissenschaftlers namens Sten-Anders Knudsen geschehen war, der dafür seinen zweiten Nobelpreis eingeheimst hatte. Aber bis Mr. H. zum ersten Mal wieder von einer Bühne heruntergrölen durfte, sollten noch ein paar Jährchen vergehen – denn, wie schon erwähnt, war die Band über die Jahrhunderte etwas in Vergessenheit geraten. Einer anderen neurowissenschaftlichen Entdeckung des vierten Jahrtausends hatte es Mr. H. dann schließlich zu verdanken, dass er nun wieder unter den Lebendigen weilt, weil eine ausreichende Anzahl von Fans seinen ausgefallenen Lebensstil supporten, aber darauf werden wir später noch zu sprechen kommen …

 Die Tür öffnet sich und ein schlanker, hochgewachsener Mann mit eckiger Brille kommt in den Raum gestelzt, postiert sich an der linken Seite der Bahre und grinst. Die Musik fadet down. Der Fremde beginnt zu sprechen.

„Willkommen, Mr. H.!”

Was will der Typ von mir?

„Wir möchten Sie begrüßen in Ihrem neuen Körper. Ihre Fans warten schon sehnsüchtig auf Ihre Erscheinung.”

Erscheinung? Ich bin doch wohl nicht in so eine verrückte Sekte geraten wie meine Eltern …

„Die erste Welttournee ist bereits organisiert, die Platten verkaufen sich besser als jemals zuvor, Ihr Konto ist prall gefüllt.“

Aaaah, schon eher das was ich hören wollte! Na, dann will ich dem Typ mal antworten.

„Ja, danke, Herr …?“

„Cropstitude.”

„… Cropsi … dingens. Egal. Ich will sofort hier raus.”

„Selbstverständlich, Mr. H.”

Herein kommen zwei bullige Athleten, die ihm auf die Beine helfen.

„Danke. Und jetzt verraten Sie mir bitte auch noch, in welchem Jahrhundert ich mich befinde.“

„Im 45. Genauer gesagt, im Jahr 4491.“

„Moment, das sind also … 2500 Jahre?”

„Genau. Ihr Jubiläum.”

„Sie meinen wohl eher, das Jubiläum der schwarzen LP.“

„Genau das wollte ich damit sagen, Sir.”

„Aber … diese kitschigen Rosen hätten Sie sich doch wohl sparen können!” herrscht Mr. H. den Supervisor an.

„Sie werden sofort entfernt.”

Die Schwergewichtler nehmen sie von den kubischen Lautsprechern.

„Sowas von kitschig! Der Typ der das angeordnet hat sollte sofort gefeuert werden!”

Der Supervisor läuft rot an.

„Jawohl, Sir.“

„Wie dem auch sei“, fährt die Bewusstseinskopie fort, „ich möchte sofort in eine angemessene Unterkunft gebracht werden.“

„Wie Ihr befiehlt.“

Ganz, ganz woanders …

 Es ist kein scheinluxuriöses Edelschwanzlutscherinnenambiente wie früher, denkt er, aber es erfüllt seinen Zweck – immerhin. Ein blätterbedecktes, wurzelverankertes Naturzelt inmitten des südamerikanischen Urwaldes. Hierhin hat es ihn verschlagen, seit er es satt ist, die Almosen der Dummen und Dümmeren anzunehmen, die ihm bereitwillig bis zu fünfzig Credits pro Tag in Schuhkarton, Hut oder ausgebreiteten Mantel warfen. Keine Frage, er hatte gut davon gelebt. Aber er war es irgendwann einfach leid gewesen, ihr sinnloses Mitleid und ihre arrogante Höflichkeit mit anhören zu müssen, in die sie sich immer dann hinein flüchteten, wenn sie es mal wieder satt hatten, neue sinnlose Deals mit einem ebenso sinnlosen Lächeln abzunicken, das niemanden dazu veranlasst hätte, auch nur einen Deut freundlicher zu sein. Eine Handvoll Menschen hatte er seit seinem Abtritt näher kennen gelernt, Menschen, die ihm wirklich etwas bedeuteten – einen Nuklearwissenschaftler, einen obdachlosen Lyriker, eine Prostituierte, keiner von ihnen war ihm in den Dschungel gefolgt, keiner. Nicht dass sie sich nicht getraut hätten – sie waren einfach zu faul, zu satt von der Zivilisation, die sie nährte, pflegte und ihnen die Magensäure anfüllte, bis sie wieder mal ihre Tagesbeute in die Pseudogerechtigkeit hinauskotzen mussten. Es war diese omnipräsente Überfürsorge der Gesellschaft, die ihn vor ein paar Jahren dazu angetrieben hatte, alle Stricke abzureißen und sich ins Abenteuer eines völligen Neuanfangs zu begeben, der ihn nun in Form von Schlingpflanzen, giftigen, schillernden Fröschen und zahlreichen Insekten umgibt und umgibt und umgibt. Er fühlt sich gut. Wie sollte er sich sonst auch fühlen? Schließlich muss er nicht mehr mit den ganzen schreienden Fans fertig werden …

Back in Megafusiontown …

Das Apartment ist großzügig geschnitten, mehrere Goldrahmen geben den Klassikern von Monet und Chronotoff ein stilvolles Surrounding, dem die Bilder mehr als gerecht werden. Ihre matten, impressionistischen Farbtöne nuancieren den pompösen Goldglanz und verleihen ihm neue Facetten, was ihm in den Kerkern von Skudery Corp., InterBank & Co. eher nicht gestattet würde. Mr. H. sitzt auf der Couch, nippt an seiner Marguerita und schaut gelangweilt in Richtung Holoprojektion, wo gerade ein Bericht über ihn durch den Raum tanzt.

„Lassen Sie mich zum Schluss noch einige Worte zu den Vorgängern von Mr. H. verlieren, die ihre Bühnenkarriere allesamt frühzeitig abgebrochen haben und knkrrrrzkrzuiiii …“

Die Projektion verschwindet und macht virtuellem Schneetreiben in 3D Platz, welches auch nach Jahrhunderten Fortschritt immer dasselbe Gesicht trägt. Auch nach mehrmaligen Drückversuchen auf der Fernbedienung erscheint das Bild nicht. Sofort ruft Mr. H. beim Roomservice an:

„Hey, was ist denn mit dem Holo-TV los?“

„Momento, ich schicke gleich jemanden hoch.“ antwortet jemand mit spanischem Akzent. Neben der exorbitanten Rechnung, die natürlich seine Plattenfirma übernimmt, hat wohl auch Mr. H’s tiefe, bassige Stimme dazu beigetragen, dass der Hispano-Page so freundlich und zuvorkommend reagierte. Jemandem mit derartigem Stimmvolumen will man einfach nicht unfreundlich begegnen.

„Das will ich auch hoffen.“ tönt es dem Pagen ins Ohr, bevor dieser eilig seine Unterpagen für Suite Nr. 705 abkommandiert. Bereits eine Minute später erscheint einer der Raumdiener mit leicht nervösem Gesichtsausdruck.

„Ja, Mr. H.?“

„Ja?? Verdammt, wieso funktioniert das Holo-TV nicht?“

„Dabei handelt es sich vermutlich nur um eine kurze Störung, die bald behoben sein wird.“

„Na hoffentlich!“

Der Raumdiener absentiert sich.

„Mann, Mann, Mann …“ murmelt Mr. H. in seinen viel zu schnell wachsenden Halbvollbart.

Im Überwachungsraum der Metallica Consumer Corporation herrscht derweil Hochbetrieb –  wie immer, wenn Mr. H. in die Glotze schaut. Der Grund, warum seine Vorgänger ihren jeweiligen Hut genommen haben, muss bis zur Vertragsunterzeichnung unbedingt von ihm ferngehalten werden. Deshalb wird das TV-Programm, das er sich ansieht, auch von mehreren Controllern überwacht und bei Bedarf manipuliert. Als Ersatzfeed wird nun ein Bericht über die Olympischen Spiele eingespeist, bei dem Mr. H. natürlich sofort wegzappt. Glück gehabt. Hier unten, tief unter dem Hotelfoyer, glaubt nämlich keiner daran, dass ihr durchaus talentiertes Aushängeschild den Knebelvertrag unterzeichnet, wenn er erfährt, welche Fangemeinde ihn da draußen erwartet …

Dreiundzwanzig Tage später ist der Vertrag unterschrieben, die Limousine gemietet, das Stadion ausverkauft, Mr. H. unterwegs zu einem der größten Musik-Events in New York City, zwar nicht das größte, aber wohl eines der ungewöhnlichsten …

„Entspricht auch wirklich alles Ihren Vorstellungen?“ fragt Cropstitute, der den Sänger während seiner ersten Wochen nach der Reinkarnation begleitet und ihm jeden Stress nimmt, der sich auch nur im entferntesten in seiner Nähe abzeichnet.

„Yeah, yeah. Alles in Ordnung so weit. Nur das hier könnte noch ein bisschen voller sein.“

Er deutet auf sein halbleeres Jägermeister-Gin-Milch-Honig-Getränk.

„Wird sofort erledigt, Sir.“ bejaht Cropstitute den Wunsch seines Gegenübers und öffnet die Minibar, wobei fast eine Miniflasche Brandy herausgestürzt wäre.

Nach etwa einer halben Stunde verlangsamt der Chauffeur die Fahrt etwas und Mr. H. erkennt schon die Menschenmenge vor dem New Madison Square Garden, der sich zwar doppelt so hoch wie früher, aber immer noch wie eine überdimensionale Hutschachtel in die Skyline der Stadt einfügt. Laser- und Spotlights umgarnen das Gebäude wie ein Netz aus Licht, das Tausende aus der ganzen Stadt, dem ganzen Land in sein farbiges Spiel hinein lockt. Schreiende Wesen begleiten den Wagen, der mit circa siebzig Sachen an ihnen vorbeifährt. Durch die getönten Scheiben erkennt Mr. H. viele weibliche Gesichter, aber auch die Umrisse anderer Wesen, die ihn ein wenig verstören. Zugegeben – bei einem solch gestandenen Metaller wie ihm von Furcht zu sprechen wäre schon etwas vermessen, aber da regt sich schon etwas tief in ihm, eine Empfindung, die er nicht abstellen kann, aber die er auf Grund seiner Aufregung und Anspannung vor seinem ersten großen Konzert gar nicht so richtig wahrnehmen kann, denn Spannung überdeckt seine ganze Gemütslage wie ein riesiger Emotionsteppich – es ist ein ungewisses Etwas, das seelenruhig darauf wartet, ins Bewusstsein vorzudringen und traurige Gewissheit zu erlangen. Fürs erste denkt er, es ist alles so wie früher im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert – Welttourneen, Groupies, prickelnde Getränke würden ihn erwarten und ihn nicht nur materiell reicher machen. Alles würde sich konzentrisch um ihn drehen, wenn er mit seiner einzigartigen Stimme die Bühne rockte. Seine unbewusste Ungewissheit vermengt sich nun mit seiner Vorfreude, so dass er sie überhaupt nicht mehr spürt, selbst wenn er es gewollt hätte. Das hier ist einfach zu groß, zu bombastisch, so dass seine Sicherheit und Zuversicht nicht im geringsten erschüttert wird. Hätte er geahnt, vor welchem Publikum er in anderthalb Stunden anfangen müssen würde zu singen, hätte er den Vertrag nie unterschrieben oder mindestens verlangt, dass einige Sonderklauseln hinzugefügt würden. Aber so (d. h. mit halber Bewusstheit der Dinge, die vor ihm liegen) ist er wieder mal der größte Metaller seiner Zeit, ein Titan an der E-Gitarre, ein Gott der vertonten Poesie! Die Limo hält erst, nachdem sie die Sicherheitsabsperrungen passiert und die Tiefgarage erreicht hat, welche nur ein paar Dutzend Autos beherbergt und streng abgeschirmt wird, eine im Verhältnis zu dem über 50.000 Menschen fassenden Garden fast winzige Parkanlage, wo nur Künstler und Superpromis aussteigen dürfen. Genau das tut Mr. H. dann auch, schaut sich kurz um und folgt den anderen zum Aufzug, der über einen eigenen Securityman verfügt.

Wieder ganz woanders …

Unser Dschungelfreund macht derweil Feuer. Natürlich hätte er die Möglichkeit, innerhalb von wenigen Stunden an ein Feuerzeug zu gelangen – es ist aber jene weltabgewandte, primitiv-rustikale Art und Weise, mit der er neuerdings sein Leben bestreitet, die ihn dazu veranlasst, fürs Feuermachen eine alte Lupe zu verwenden, die er gekonnt über eine Schlingpflanze hält, die langsam zu schwelen beginnt. Ein längliches Stück Fleisch hängt an einem Spieß über der Feuerstelle und wartet darauf, von den Flammen geleckt zu werden. Zugegeben, der Anblick dieses Fleischklumpens würde nicht unbedingt jedes Gaumenherz höher schlagen lassen, aber für die Ansprüche von Mr. H.’s xter Gehirnkopie reicht es aus, zumal ja überhaupt niemand weiß, ob es nicht eventuell doch ein Leckerbissen ist, denn kein Normalsterblicher käme je auf die Idee, so etwas zu kochen, kauen oder gar herunterzuschlucken. Hauptsache der Magen ist gefüllt, denkt unser Freund. Hauptsache es ist nicht allzu eklig. Der Rest kommt von ganz allein. Leise summt der Aussteiger die Melodie eines seiner größten Hits: „Of Wolf and Man“ …

Off through the new day’s mist I run
Off from the new day’s mist I have come
I hunt
Therefore I am
Harvest the land
Taking of the fallen lamb …

Der Wind lässt den Wald wie ein gewaltiges Orchester rauschen. Mit ganz viel Einbildungskraft könnte man meinen, die Natur wolle die pompösen Klänge zu dem uralten Hit liefern, wolle anknüpfen an die Zeiten, als es noch nicht so viele Menschen gab – der Wind wollte endlich mal wieder die erste E-Gitarre spielen in jenem Weltorchester, in dem Airdiscs, Magnetautos und holografische Videobotschaften den Ton angeben. Es fängt zu regnen an und Blitze zucken durch das Blätterdach – doch das aufkommende Feuer lässt das alles kalt, denn im Dschungel erreicht nur jeder fünfte Tropfen den Boden, wenn überhaupt. Außerdem hat Mr. H. vorsorglich ein Pumafell über die Feuerstelle gespannt. Bald wird er schmecken, was viele seiner Zeitgenossen verlernt haben zu genießen: die wilde, rohe Garstigkeit des Dschungels.

11:59 h New Madison Square Time …

Die wilde, rohe Garstigkeit des Heavy-Metal erschüttert die Bühne schon vor dem Auftreten des heutigen Abendstars: schmetternde Rhythmen diverser Vorbands fegen über die Köpfe der Anwesenden und sorgen dafür, dass der Garden ständig in Bewegung ist. Sogar die anderen versuchen, ihre Körper in den Takt der rohen Metallmusik zu bringen, obwohl sie ihre Bewegungen gar nicht richtig koordinieren können. Mr. H. raucht hinter der Bühne noch schnell einen Joint zusammen mit seinen Bandmitgliedern, die leider nicht aus den ursprünglichen Kompagnons bestehen, sondern aus neu engagierten, die aber ebenso lustig zu sein scheinen.

„Reich mal rüber, Mann!“ fordert einer von ihnen. Mr. H. weiß nicht, ob es ein Befehl oder eine Aufforderung ist. Ist ihm jetzt auch wurscht.

Nur etwas beunruhigt Mr. H. umso mehr, je näher sein Auftritt rückt – es kann ja eigentlich gar keine Aufregung sein (oder ist sie es doch?), denn solche Gigs ist er doch gewohnt! Es ist wieder jenes unterschwellige Gefühl, das sich in seinem Körper breit macht und ihn langsam durchsetzt wie eine Infektion oder wie ein Parasit, der nicht genug bekommen kann und seinem Wirt deshalb nicht allzu viel Schmerzen bereitet – ein Wohlfühl- oder Gute-Nacht-Parasit eben. Je öfter er an der Wundertüte zieht, desto mehr scheinen die ihn umgebenden Gesichter etwas zu verbergen – hier wird offensichtlich nicht mit offenen Karten gespielt, oder? Er macht sich aber keine Gedanken, dafür ist er schon viel zu high und außerdem ist er ein Profi und nichts kann einen Profi schließlich erschüttern, ist es nicht so?

„So langsam wird’s Zeit, James.“ meint Archibald, der Drummer.

„Na ja, die Proben waren ja ganz gut. Jetzt heißt es Vollpower!“ sagt unser Held.

„Aber sicher, Mann!“ kommt es von irgendwo her.

Alle stehen auf, verlassen die Lounge und begeben sich hinter die Bühne, auf der gerade die Lost Machines ihr letztes Stück zum Besten geben. Mr. H. ist gespannt. Jetzt ist es an ihm, seinen Ruf für diese neue Welt wiederherzustellen. Er würde ein Leben voller Exzesse und Schönheiten verbringen, bis ihn irgendein Unfall oder Tumor wieder zurück in die Kryokammer bringen würde. So oder so ähnlich malt er sich seine Zukunft aus, ohne zu ahnen, was ihn wirklich erwartet. Die Lichter gehen aus, die Machines kommen von der Bühne, gehen mit kurzem Gruß und einem irgendwie wissenden Lächeln an Mr. H. vorbei und überlassen die Stage dem Comeback des Monats: M.!

Völlige Dunkelheit umgibt ihn, als er seine ersten Schritte auf der Bühne macht. Es sind Schritte, die er sich nach diesem Konzert noch gut einprägen würde; Schritte eines Kindes, das Laufen lernt. Die anderen haben ihre Position eingenommen, es kann losgehen. Aber noch bleibt alles schwarz. Kein Wunder: Auf dem Programm stehen einige Stücke des Schwarzen Albums ganz oben. Das Bühnenbild soll schließlich dazu passen. Die Fans sind überdeutlich zu hören. Tausende Stimmen, die vom Flüstern über Murmeln bis hin zum Rufen und Schreien und Johlen alles zu bieten haben, was sich ein Musiker nur wünschen kann. Stimmen, die auf jede Bewegung ihres Stars reagieren, die am liebsten alles an ihm berühren wollen oder alles berühren wollen was er jemals angefasst hat wie zum Beispiel auch den Joint, der jetzt unbeobachtet in den Ritzen der Bühne verschwindet. Das Licht geht an. Flashlights. Videoinstallationen. Hologramme. Mehrere fliegende Kameras, die über der Bühne schweben und jede Gemütsregung aufzeichnen. Sein erstaunter Blick begegnet nun all den anderen, die ihn erwartungsvoll anschauen und in ihm anscheinend die endgültige Rettung für all ihre Probleme sehen: nasse Windeln, schreiende und kotzende Münder, vollgekleckerte Mittagstische. Denn neben vielen erwachsenen Fans sind auch sehr viele andere anwesend und fast scheint es Mr. H. als würden gerade diese kleinsten Fans am lautesten nach seiner Musik brüllen. Überall liegen Babys in Körben oder in den Armen ihrer Mütter. Heavy Metal – ein effektives Mittel der Neuzeit, schreiende Kinder zu besänftigen. Wissenschaftlich bewiesen und hundertprozentig sicher. Eine Methode, die aus nörgelnden Kotzbrocken brave und zufriedene Kinder macht. Sicher – auch die Erwachsenen können sich dem Reiz dieser Musik nicht ganz verschließen, aber es scheint fast so, als ob die Kleinen noch bessere und genügsamere Fans sind. Mr. H. ist geschockt – man sieht es ihm an. Sein Gesicht erscheint auf einer riesigen Freiraumprojektion, die mitten über den Köpfen der Zuhörer schwebt. Für einen Moment lang hat er sich nicht richtig im Griff, dann beginnt die Musik. Es wird erwartet, dass er lossingt. Er muss das wegstecken. Er wird es wegstecken. Immerhin: 150000000 neue Fans. Das ist schon mal was. Damit lässt sich eine Menge Gin besorgen, um diese verstörenden Eindrücke herunterzuschlucken. Die Musik beginnt. Die Stimme ertönt. Das Publikum kreischt:

… And the road becomes my brideI have stripped of all but prideSo in her I do confideAnd she keeps me satisfiedGives me all I need … And with dust in throat I craveOnly knowledge will I saveTo the game you stay a slaveRover, wandererNomad, vagabondCall me what you will But I’ll take my time anywhereFree to speak my mind anywhereAnd I’ll redefine anywhere Anywhere I roamWhere I lay my head is home …

3538 Wörter, © Copyright Sven Klöpping (fictionality@web.de)

Diese Story erschien zuerst in der Anthologie „Enter Sandman“ (pmachinery).