Die Invasion der Sprachen

Als Frank um 10:23 Uhr Radiowecker-Zeit die Augen aufschlug, spürte er die hinter ihm liegende Nacht in allen Knochen. Seine Arme waren taub und schmerzten, als er sie wieder rühren konnte. Aus seinem Mund roch es nach Kneipe. Dann registrierten seine etwas weniger beschädigten Gehirnzellen, warum die letzte Nacht so hart und unbequem gewesen war, und jeder, der schon einmal in stabiler Seitenlage auf doppelt gebrannten Fliesen in einem unbeheizten Flur mitten im Winter aufgewacht ist, sollte Franks exklusiv für diese Story gedachte Gedanken verstehen können.

 

Schlimmer kann ein Arbeitstag nicht beginnen.

Frank rappelte sich auf, wobei er sich an einem hüfthohen Ikea-Schuhregal abstützte, das unter seinem Gewicht bedrohlich ins Schwanken geriet. Ein Paar stahlbeschlagener Winterstiefel flog aus dem Regal, erinnerte sich seines Herstellungszweckes und landete ausgerechnet auf dem Fuß, den Frank gerade wieder spüren konnte. Jaulend humpelte der Durchnächtigte mit seinem anderen, immer noch tauben Fuß ins Bad, wo außer einem Jahresvorrat Aspirin auch ein frisch parfümierter Armani-Dress zu finden war, der nur darauf wartete, Franks durchzechten Körper mit einer CK-One-Duftwolke einzuhüllen. Nach viereinhalb Minuten, in denen er ungeduscht in Hemd und Hose geschlüpft war und sich die von der zuvorkommenden Hertie-Verkäuferin vor zwei Monaten zurechtgebundene Krawatte hastig umgeworfen hatte, fühlte er sich wieder einigermaßen als Mensch und, was noch besser war, konnte sogar wie einer laufen. Zwar brummte sein Schädel noch gewaltig, und manchmal drehte sich die Welt um ihn ein bisschen

im Kreis, aber im Großen und Ganzen war er bereit für einen erfolgreichen Arbeitstag, den er wie geplant im Zeichen seines vorletzten Managementseminares beginnen würde, das unter dem Motto „Führen mit Persönlichkeit“ gestanden hatte. Die Kernaussage hallte noch immer in Franks (wissenschaftlich nicht komplett erforschtem) Hippocampus wider. Entschlossenheit ist das A und O eines erfolgreichen Unternehmers. Wer zu allem entschlossen ist, setzt sich immer durch. Die Aktentasche im Anschlag verließ er seine Wohnung in derselben 8-Uhr-

Entschlossenheit wie immer und versuchte, nicht an die drei Stunden zu denken, die er zu spät kommen würde.

 

Hinter ihm fiel die Tür zum Treppenhaus ins Schloss. Vor ihm kämpfte Frau Ewers, die Stämmige aus dem dritten Stock, mit Schneebesen und Ignoranz bewaffnet gegen fünf Zentimeter Neuschnee. Der Anblick war schockierend und ernüchterte ihn. Typisch Hausfrau, ging dem Aktienhändler durchs Millionen-Dollar-leere Gehirn. Hatte die Alte nichts Besseres zu tun, als sich die ganze Zeit hinter ihrem Fenster warm zu sitzen, um beim ersten Anzeichen von Schneefall in einem Blitzstart nach unten zu stürzen und den unschuldigen Pulverschnee mit allen Mitteln vom Beton zu kratzen – Schnee, der nicht einmal richtig zu Ende fallen konnte? Er bemühte sich, noch unfreundlicher dreinzuschauen als zuvor, was ihm auch irgendwie gelang. Jedenfalls murmelte das ansonsten so wortgewaltige Weibsbild nur Unverständliches in ihren Damenbart und fuhr ohne Pause fort, den rieselnden Winter zu misshandeln. „Vielleicht kratzen Sie auch schnell noch meinen Wagen frei“, wollte Frank ihr wie einen Schneeball ins Gesicht werfen. Statt dessen platzten Worte aus seiner Mundöffnung, die so klangen wie ein vom Pferd gefallener Mongole, der mitsamt seiner zu locker festgeschnürten Jurte von dem unbehuften Tier zu Tode geschleift wird. Ein echt verbales Verhängnis:

 

„Stoiii kniekzitsch alposz gnieeäääsinskl“

 

Er konnte sich nicht erinnern, jemals derart gesprochen zu haben. Vielleicht waren es nur Kater oder Trommelfell, die ihm einen Streich spielten. Ein wenig komisch kam er sich dabei schon vor. Zum Glück hatte Frau Ewers nichts mitbekommen. Sie hätte ihn womöglich mit einem Hausfrauenspruch à la „Alkohol macht Birne hohl“ oder Ähnlichem eingeseift, was er in diesem Moment zuallerletzt gebrauchen konnte. Weitaus willkommener waren in seinem (wissenschaftlich ebenfalls nicht vollständig erforschten) Kleinhirn solch erbauende Sätze wie „Ein erfoIgreicher  Geschäftsmann hat immer vier offene Ohren für seine Mitarbeiter. Seine eigenen – und die seiner Sekretärin“. Zu neuer Höchstleistung angespornt, rutschte er entschlossen auf dem spiegelglatten Boden vorwärts, was ihm einen bösen Seitenblick von Frau E. bescherte. Das Gleichgewicht zurückerobert, stolzierte er schließlich aus dem hämischen Blickfeld der Femme Banale in Richtung Auto.

 

***

 

Zum Glück waren alle Hauptstraßen gestreut, so dass er sich relativ zügig im Frankfurter Stau einreihen konnte. Nach einer Weile Stop-and-Go-Verkehr wurde er von seinen allmorgendlichen Business-Mantras jedoch abgelenkt. Einige Leute benahmen sich heute seltsam. Zum Beispiel der Zeitungsverkäufer unter der Autobahnbrücke. Sonst immer darum bemüht, Käufer oder gar Drive-through-Abonnenten für die Unmengen an FAZs zu finden, die in einem müllkorbgroßen Stapel auf dem menschenleeren Bürgersteig lagen. Jetzt lehnte er nur an einem Brückenpfeiler, hielt eine der Zeitungen in seinen Handschuhen und schüttelte regelmäßig den Kopf als ob er sie nicht verstünde. Vielleicht wollte er sich nur die Fotos im Innenteil anschauen, aber da wäre er hinter einer Bild-Zeitung besser aufgehoben gewesen. Beim Weiterfahren erspähte Frank auch den arabischen Kollegen des Bildvernarrten, der mit einer FTD an der gegenüberliegenden Pfeilerwand klebte und beim Betrachten der lachsroten Seiten ständig in seinen Schal hineingrinste. Frank schüttelte verständnislos den Kopf und verhinderte gleichzeitig, seinem Vordermann ins Heck zu krachen, der aus unerfindlichen Gründen mitten auf der Straße angehalten hatte. Verdammt. Musst du ausgerechnet jetzt deinen Schlaf nachholen? Die Ampel war grün, Franks Nerven alarmrot. Der Verkehr floss überall vorbei. Verzweifelt schaltete er das Radio ein und wäre eine Sekunde später fast vor Schreck aufs Gaspedal getreten.

 

„Hooo cha kazraaaal nooniiiauääää kamrahh kanibaaal“, sagte, sang oder fauchte eine Stimme. Vermutlich nur die falsche Frequenz. Ein anderer Sender würde Abhilfe schaffen.

 

„Xiuii zuiii naii siriii nooooo … <knarz> oiiiii!!!“

 

Unglaublich. Frank drehte noch mal am Knopf.

 

„Lorenta menta la genta senta …“

 

Er probierte sämtliche Wellenlängen. Ultrakurzwelle, Kurzwelle, Mittelwelle, Astra- Digitalradio – nichts. Kein verständlicher Laut wollte aus den Sprechern. Das machte Frank Sorgen. Etwas war geschehen. Wie anders war es zu erklären, dass keine Musik im Radio lief, und zwar gleichzeitig in ganz Mitteleuropa? Frank mochte gar nicht daran denken, was über Nacht alles hätte passieren können. Ein Terroranschlag, eine außerirdische Invasion, die Umstellung auf den 1. April. Aber daran brauchte er auch gar nicht denken, weil er den Empfänger abschaltete und ein Santana-Tape aus der Kassettenbox fummelte. Das würde seine Nerven beruhigen.

 

“I said a la favella los colores

The streets are getting hotter

There is no water

To put out the fire

 

Mi canto la esperanza

Se mira Maria on the corner

Thinking of ways to make it better

Then I looked up in the sky

Hoping of days of paradise”

 

Frank schaute nach oben, aber nicht in den Himmel. Eine rote Ampel im Gallusviertel versperrte ihm die Fahrt in die Frankfurter Innenstadt. Mit der Zeit wurde es ihm zu dumm, auf das Licht zu starren. Also lehnte er sich zurück, blickte sich um und atmete bewusst und frei, denn nur wer bewusst und frei atmet, kann sein Leben frei und aktiv gestalten. Diese Weisheit – und die gesalzene Rechnung – waren das Einzige, woran er sich nach dem 21tägigen Intensiv-Atemtraining auf Sylt noch hatte erinnern können. Fußgänger, Radfahrer und fotoknipsende Japaner standen auf beiden Straßenseiten. Letztere knipsten nicht die Ampel, sondern die Baustelle gegenüber, wo der halbfertige Millennium-Tower lärmend und quietschend darauf wartete, seine angemessene Große von 365 Metern zu erreichen. Jemand hupte Frank zurück in die Gegenwart. Es war längst Grün, und die anderen Blechkarossen bewegten sich schon wieder stadteinwärts. Frank spürte, wie sich die Blicke des Schnellhupers in seinen Nacken bohrten. Er kam sich irgendwie schuldig vor und das – so hatte man ihn gelehrt – konnte ganz hilfreich auf dem Weg nach ganz oben sein. Wie ein Soldat, den man gerade beim unerlaubten Rauchen erwischt hat, befolgte Frank den gehupten Befehl seines Verfolgers und beschleunigte seinen Roadster, um sich bei der erstbesten Gelegenheit in die ldiotenspur rechts einzufädeln. Sein Hintermann – ein Hippie, der in einer froschgrünen Ente saß – fuhr grinsend an ihm vorbei.

 

***

 

An der Börse hatte Frank den seltsamen Radioempfang und den Kater mit Hilfe seines Motivations-Trainings fast wieder vergessen. Er parkte in der Tiefgarage, nahm den Aufzug zusammen mit drei anderen Männern und schwieg, wie es von ihm erwartet wurde. Die Fremden drückten alle denselben Knopf und dann sich selbst stillschweigend in möglichst gegenüberliegende Ecken des Vertikalgefährts. Was auch nicht weiter verwunderte. In Business-Aufzügen wird schließlich erst in Ausnahmesituationen geredet, wenn es sowieso schon zu spät ist. Wortknappheit in solchen Aufzügen ist ein ungeschriebenes und selbstverständlich auch ungesprochenes Gesetz, von dem niemand weiß, woher man eigentlich davon erfahren hat, weil es ja eben nirgends steht oder zu hören ist. Nach der gewohnt ruhigen Fahrt surrten die Türen auseinander, und Frank befand sich schon mitten am Rande des Geschehens. Erwartungsfreudig huschte er hinaus und war schnell in den heiligen Hallen des Mammons. Wie immer liefen die Angestellten emsig über das Parkett, riefen sich unverständliches Zeug zu, das in einem Meer aus noch unverständlicherem Zeug unterging, malten abstrakte Handzeichen in die Luft, schauten auf die Uhr, auf die Kurstafel, auf ihre Konkurrenten und sowieso auf alles, was nur annähernd so aussah wie eine Aktie, ein Börsenkurs oder ein verloren gegangener Dollarschein. Verständlich also, dass in diesem Alltags-Wirrwarr keinem aufgefallen war, dass die deutsche Sprache – und mit ihr alle Sprachen der Welt – seit zwei Tagen verschwunden war.

 

***

 

Keine drei Kilometer entfernt hatte ein Außerirdischer extrem schlechte Laune. Er hieß Ptolemä und wäre einer der Letzten gewesen, die sich selbst als Alien bezeichnet hätten. Nach seiner galaktischen Herkunft gefragt, wäre die Antwort wahrscheinlich „Cepheide“ oder „Veränderlicher“ gewesen, was bedeutete, dass er die molekulare Zusammensetzung seines Körpers austauschen konnte wie wir unsere Kleidungsstücke. Trekkies hätten ihn mit diesem Wissen einhellig in die Wechselbalg-Schublade gesteckt (wahrscheinlich glaubten diese Leute auch daran, der „Wechselbalg von Schalken“ wäre ein universell einsetzbarer Fußballspieler), Terminator-Fans hätten ihn in Sekundenschnelle auf das Kürzel „T- l000“ abterminiert. Griechischen Philosophen wäre er wie der amphibische Gott Proteus vorgekommen, der gerade aus dem „Meer“ des Universums herab gestiegen ist, und bei den Germanen wäre er bis auf den heutigen Tag als Alberich, der Gestalt wandelnde Zwerg, verehrt worden. In Amerika hätte man ihn „everybody’s darling“ oder „Bigfoot“ genannt. Auf der heutigen Erde wäre Ptolemä keine der oben genannten Karrieren beschieden gewesen. Zu viele Mythen, Scharlatane und schlechte Kinofilme hatten den Ruf der außerirdischen Gestaltwandler schon ruiniert, bevor einer von ihnen überhaupt die Erde betreten hatte.

 

lm Moment besaß Ptolemä den Körper einer modebewussten Mittdreißigerin, stand mit Minirock bei windigen minus drei Grad vor einer in Frankfurt nicht ganz unbekannten Baustelle und wunderte sich im Stillen über den unerwarteten Verlauf der Operation Krikniklinknik, was im Fachjargon ausgedrückt soviel heißen könnte wie „Individuelle Sprachmorphose der humanoiden Erdbewohner mit dem Ziel der Desintegration jedweder ortografisch-verbalen Interhuman-Kommunikation“. Auf gut deutsch: Die Außerirdischen hatten jedem Menschen seine eigene Sprache gegeben, sodass keiner mehr den anderen verstehen konnte. Doch statt der geplanten Sprachverwirrung schienen sich die Menschen jetzt besser zu verstehen als je zuvor. Kein Streit, keine Aggressionen, keine Gewalt waren zu sehen. Anscheinend, so dachte Ptolemä, sind die Erdenmenschen doch zivilisierter als wir bislang angenommen haben. Da war er übrigens einer Meinung mit seinen Artgenossen, die als Vögel, Ampeln, Petunien und arabische Zeitungsverkäufer weltweit zu derselben Schlussfolgerung gelangt waren. Dabei hätten sich die telepathisch verständigenden Außerirdischen nur etwas intensiver mit der menschlichen Kommunikation beschäftigen müssen um herauszufinden, dass allein durch  Sprache so etwas wie Streit oder Gewalt überhaupt erst entstehen kann. Doch die geistig hoch begabten Cepheiden waren für eine solche Anstrengung viel zu faul. Also beschlossen sie, die zerstörerischen Erdenbewohner nicht wie geplant durch eine andere Lebensform zu ersetzen, sondern noch ein paar Jahrtausende weiterleben zu lassen. Kurz nach dieser Übereinkunft löste sich Ptolemä in Luft auf, verwandelte sich 10.000 Meter weiter oben in ein interstellares Raumschiff und flog zu seinem Heimatplaneten zurück. Gerade noch rechtzeitig, bevor seine Lieblings-Quizshow „Synapsen im Quantentunnel“ begonnen hatte. Schon morgen würden sich die Menschen wieder verständigen können.

 

***

 

Die Welt war gerettet, aber es hatte sich nicht viel geändert. Die Straßen waren verstopft, die Luft noch immer smogerfüllt. Hunderttausende wollten nach Hause und mussten sich dafür durch eine enorme Unterzahl an Straßen zwängen. Es wurde gehupt, was die Batterie hergab. Auch Frank ließ sich anstecken. Verdammte Idioten, dachte er, als er im Schneckentempo an zwei Warnblinklichtern vorbeifuhr, müsst ihr eure Rostlauben ausgerechnet während der Rush-hour auf der Fahrbahn abstellen? Entnervt drückte er den silbernen Stern aufs Lenkrad.

 

Eine geschlagene Stunde später kam er zu Hause an, ließ sich aufs Sofa fallen und bediente den Fernseher so, wie es der Held eines Groschenheftromans nicht besser hätte machen können. Ein bisschen würde er noch herumzappen und vielleicht anfangen, einen Film zu gucken, der ihn zwar nicht interessieren, aber dafür sanft in den Schlaf flimmern würde. Gerade redete der Tagesschau-Sprecher einen solchen Unsinn, dass Frank es zunächst nicht wahr haben wollte.

 

„… ho a ähh ni … kurozklamarkiris homöbordi na exknox zaphirra orbent lokki …“

 

Was zum Henker redest du da?

 

„Wrap knap noc kumba intress vagori snell …“

 

Verdammt. Ich kapier das nicht. 

 

Auch auf den anderen Kanälen war kein einziges Wort zu verstehen. Verwirrt schaltete Frank den Fernseher aus, holte eine Flasche Whiskey und ein Bierglas aus dem Chippendale-Schrank. Entweder waren alle Sender über Nacht von Medienterroristen übernommen worden oder etwas war ganz gehörig aus dem Ruder geraten. Nach dem sechsten Glas Jack Daniels war ihm das aber relativ schnurz.

 

***

 

Als Frank am nächsten Morgen um 9:17 Uhr Radiowecker-Zeit die Augen aufschlug, spürte er die hinter ihm liegende Nacht in allen Knochen. Seine Arme waren taub und schmerzten, als er sie wieder rühren konnte. Aus seinem Mund roch es nach Kneipe. Dann registrierten seine etwas weniger beschädigten Gehirnzellen, warum die letzte Nacht so hart und unbequem gewesen war, und jeder, der schon einmal in stabiler Seitenlage auf doppelt gebrannten Fliesen in einem unbeheizten Flur mitten im Winter aufgewacht ist, sollte Frank verstehen können. In Windeseile wusch er sich, zog sich an und verließ seine Wohnung im Laufschritt. Unten angekommen, kämpfte Frau Ewers gegen dreieinhalb Zentimeter Neuschnee und sagte erst nichts, fand ihre Sprache aber schnell wieder:

 

„Nicht betreten!“

 

2278 Wörter, © Sven Klöpping (fictionality@web.de)

Diese Story erschien im Sammelband „Menschgrenzen“ (2010, pmachinery). Sie gewann den fiktiven Günther Gras Preis (2002).