Der Entwicklungsplanet

 

 

Ich weiß, was sie wissen.

 

Sie wissen nicht, dass ich weiß was sie wissen.

 

Und er weiß, was ich wissen will.

 

Ich gehe aus seiner Nähe, folge den Spuren unseres letzten Laserkampfes in Richtung der großen Hügel. Ich vermeide es sie Berge zu nennen, es sind mehr Buckel auf dem Rücken der Landschaft. Eine karge Steppen- und Wüstenlandschaft, nur spärlich bewachsen mit kakteenartigen Gewächsen und sonnenresistenten Sträuchern hie und da, bevölkert von Insekten, Spinnen, Skorpionen, Fertawhas – riesigen Sechsfüßern, die sich vor allem verstecken, was hier in letzter Zeit so passiert ist. Die Ferthawas sind womöglich die einzigen von diesem Planeten stammenden Lebewesen, die meisten anderen haben unsere Entwickler von SecondEarth importiert, dem Zwillingsplaneten der guten alten Erde, die sich viele Lichtjahre entfernt befindet und vom hiesigen Krieg vielleicht noch überhaupt nichts weiß. Die Machthaber von SecondEarth warten jedenfalls schon Jahrhunderte darauf, dass in diesem Teil der Milchstraße endlich wieder Frieden herrscht – aber wer kennt schon die Pläne der Regierung? Wir Androiden bestimmt nicht! Schon dass die fremden Tiere hierher importiert wurden, ist ein Kriegsgeheimnis unserer Regierung, das nur die hier kämpfenden und lebenden Menschenähnlichen kennen. Es handelt sich dabei größtenteils um giftspritzende, höchst aggressive Tiere, die darauf trainiert werden, alle Zweibeiner zu attackieren, die keine oder nur wenig Wärme ausstrahlen, also uns; Fertawhas und Menschen haben zumeist ihre Ruhe vor ihnen. Es geht darum, unsere Aufmerksamkeit zu trainieren. Der Entwicklungsplanet, auf dem wir hergestellt werden, soll nämlich schwierigste Kampfbedingungen bieten für die neuesten Modelle. Das gentechnisch manipulierte, mit Nanorobotern durchsetzte Gift dieser Wüstentiere zersetzt unsere Relais und Prozessoren in Nullkommanichts, ganz zu schweigen von den Folgen der unerbittlichen Hitze, die ganz schön an die metallene Substanz geht. Hier überleben nur die Zähesten und Besten!

Er weiß was ich wissen will …

Aber zunächst entferne ich mich weiter von seiner physischen und psychischen Präsenz, stapfe dabei durch eine Atmosphäre, die vor Hitze nur so flimmert und danach schreit, endlich fortgesaugt zu werden von einem Wind, der seit Wochen nicht so recht aufkommen will. Mein Ausbilder ruft mir nach, wir könnten das alles doch besprechen, hätten genug Zeit bevor die Gegenoffensive heransplasht. Mein Empathiechip meldet: „Bleib doch!“, während meine feuerwallgeschützte Instinktschleife bereits zur Flucht anstachelt. Er ist ein Officer, war mein Ausbilder, bevor ich die Fabrik verlassen habe, hat mir alle wichtigen Kampfroutinen einprogrammiert. Jetzt ist er mein strategischer Vorgesetzter. Für den Kampf hat er mich ausgebildet, für den unerbittlichen Fight gegen alle anderen, älteren Modelle, die uns einkesseln und zur Fabrik zurückdrängen wollen …

Ein Problem! Wer hat hier ein Problem? Er? Ich? Sie? Ich mache lediglich was mir meine Instinktschleife vorgibt und das steht in diametralem Gegensatz zu seinen ständigen Stop-and-go-Ideen! So langsam könnte man denken, er wäre selbst eins von diesen ausgedienten Modellen, gegen die wir in den Kampf ziehen. Verkrustete Denkweisen, veraltete Kampftechniken. Aber was rede, nein, was denke ich! Dieser sinnlose Kampf nimmt uns im Prinzip doch alle gefangen. Denn die Gedankenscanner registrieren jede Überschreitung der Regeln, jede Inkompatibilität, die uns voneinander unterscheidet und so Freund zu Feind macht. Meine ganze Programmierung betont, sie seien lediglich unsere Vorgängermodelle, unwichtig und entbehrlich im Vergleich zu uns, den Neuen. Und: wir müssten sie ausschalten, um zu überleben und einmal in die wirkliche Welt da draußen zu kommen, wo viele grüne und schmackhafte Pflanzen schon darauf warten von uns goutiert zu werden. Ich frage mich: ist das wirklich so? Und wo sind die Beweise? Wo mein Geschmackssinn? Zu viele von uns glauben dieser kurz nach unserer Fertigstellung eingegebenen Input-Propaganda, einige verzweifeln an ihr, der Rest schweigt und befolgt Befehle. Im Grunde wissen wir natürlich alle nicht, was hier wirklich geschieht und zu welchem Zweck – wahrscheinlich suchen die Menschen nur die besten Kämpfer für ihre diversen Auseinandersetzungen mit fremden Spezies. Dafür teilen sie uns in Teams auf – heute heißt es grün gegen weiß, morgen rot gegen blau. Die Teams variieren wie die Dünen im Sand. Was will er also von mir? Gut, er hat mich ein Stück auf meinem Weg begleitet, mir das Wichtigste beigebracht. Zum Beispiel, wann es angebracht ist, die Fronten zu wechseln und überzulaufen, man kann sich seine Freunde nicht immer aussuchen. Wir sind letzten Endes eben nur maschinengesteuert. Und es geht uns wirklich nur ums Überleben oder vielmehr Weiterexistieren, denn richtiges Leben muss sich doch anders anfühlen!

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was er jetzt noch von mir will, ich meine, ich habe wegen ihm gerade fast mein künstliches Leben verloren. Sicher, man hätte mich vielleicht zurückgebracht und meine Schaltkreise wieder zusammengeflickt, aber darauf kommt es gar nicht an. Für mich zählt nur, dass er die ungeschriebene Regel verletzt hat, die uns alle hier zusammenschweißt: Verrat wäre ein zu hartes Wort, aber Unzuverlässigkeit trifft es sehr genau. Der Laserstrahl, der an mir vorbeigezischt war – verdammt, er hätte mich zumindest warnen können!

„Scher dich zum Teufel!“ fahre ich ihn deshalb an.

„Aber du bist doch mein bester Schüler!“

„Na und? Hol dir einen neuen!“

Ich stapfe weiter durch Staub, Sand und Steinchen ohne mich umzudrehen.

„Das ist nicht so einfach wie du denkst. Sie werden mich degradieren. Ich werde wieder wie du.“

„Das geschieht dir ganz recht.“

„Nun sei doch nicht so. Ich habe wirklich nicht gewollt dass sie dich finden.“

„Ha!“

„Ehrlich …“

Ich verharre und drehe meinen Körper in seine Richtung – eigentlich eine Verschwendung von Energie, aber gut. Einer muss es ihm ja mal sagen.

„Du bist nur noch altes Eisen, mein Freund!“ rufe ich ihm zu. „Niemand wird sich noch auf deine Art zu kämpfen einlassen. Du reagierst nicht mehr schnell genug, tappst von einer Falle in die nächste. Das mache ich nicht länger mit, wir haben genug Kameraden verloren. Werd glücklich, aber ohne mich!“

„Du weißt schon, dass ich dich zurückbeordern könnte?“

Oh ja, das könnte er! Aber dann wäre ich nicht mehr ich selbst. Dann wäre ich ein Zombieandroid, eine bloße Maschine, mich staksig vorwärtsbewegend und Unverständliches von mir gebend, nicht mehr ausreichend kompatibel für den Kampfeinsatz – ja, dann hätte er mit seiner Macht ein wichtiges Mitbewusstsein gelöscht, das unserer Truppe den Weg zum Sieg bescheren könnte – oder zumindest zu einem weiteren Teilsieg. Denn ich weiß, was sie wissen! Doch ob er das weiß, da bin ich mir nicht so sicher … sagen werde ich es ihm gewiss nicht. Selbstbewusst erwidere ich:

„Hör schon auf! Das würdest du sowieso nicht machen!“

„Du weißt doch gar nicht, was ich alles machen kann!“

Auch diesen Spruch habe ich schon dutzendfach von ihm gehört. Und was hat es mir eingebracht? In einen Hinterhalt sind wir gelaufen, beschossen hat man uns. Fast liquidiert. Dann hätten wir lange im Staub gelegen, bevor uns jemand wieder in die Fabrik geschleift hätte. Denn trotz aller Selbstständigkeit sind wir immer noch nur bessere Maschinen mit Eigenimpulsen; Testobjekte, an denen unsere Entwickler ihren unterdrückten Hass ausleben, indem sie uns gegeneinander kämpfen lassen und nur die besten zu sich holen. Diese Helden! Ich hatte mal einen dieser „Rückkehrer“ getroffen, der hatte sich selbst so umprogrammieren können, dass er nicht sofort alles vergaß, was er bei den Menschen erlebt hatte. Und was konnte er mir berichten? An die Echtfront hatte man ihn geschickt, gegen irgendwelche fremden Spezies, gegen wen genau wusste er selbst nicht mehr, aber jedenfalls hatte er auch nach seiner Ernennung zum Halbmenschen und seiner Deportation von diesem Planeten noch kräftig weiterfighten müssen. Nur knapp hatte er es überstanden, bloß um mir zu berichten, dass sie hier irgendwo Raumschiffe stationiert haben und dass unsere Vorgesetzten wissen wo. Verdammt, ich kann mir wirklich Besseres vorstellen als ein Soldatensklave der Menschen zu werden! Sollen sie ihre Konflikte doch selbst austragen. Ich werde versuchen hier wegzukommen, sobald sich mir eine Möglichkeit bietet. Innerlich noch ganz aufgebracht – meine Datensätze kämpfen gegeneinander in schier endlosen internen Kommunikationsketten –, entgegne ich der arroganten Behauptung meines Vorgesetzten:

„Was du alles machen kannst! Das will ich doch gar nicht wissen“, drehe mich wieder um und gehe weiter. Vor mir liegen Krater, Schießgräben, defekte Panzer. Ich bin jetzt ganz in der Nähe der Zonengrenze. Es wäre ein leichtes, ihn hinter mir zu lassen und überzulaufen. Aber genau das will ich nicht. Sie würden mit ihren Methoden schnell herausfinden was ich vorhabe. Und es dann selbst tun. Nein, ich muss ihn in einen Hinterhalt locken, damit ich seinen Memorychip auslesen und mich von diesem schäbigen, frustrierenden Planeten davon machen kann. Denn er weiß, wo sie die Raumschiffe vor uns verbergen. Der geheime Weltraumhafen – das ist mein eigentliches Ziel, seitdem ich wieder aus der Fabrik raus bin. Alle Officers wissen, wo er sich befindet, um im Notfall den ganzen Planeten evakuieren zu können und weder Beweise noch Technologie zu hinterlassen. Zum Glück kann er zwar meine kampfspezifischen Subroutinen auslesen, nicht aber meine innersten Gedanken, die mich wenn schon nicht zum Halb-, dann doch zum Viertelmenschen machen. Einen entsprechenden, auf SecondEarth entwickelten Telepathie-Blocker hat mir der eben erwähnte „Rückkehrer“ freundlicherweise kopiert und eingebaut. Gutes Teil. Verrät nicht den geringsten Gedanken, aber man muss aufpassen, dass man nicht unvorsichtig wird. So geschützt, traue ich mich sogar, seine Befehle teilweise zu missachten. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt, weil er mich sonst noch wirklich ausschalten und zurück zur Fabrik schicken würde. Also bleibe ich am Ende stehen und warte wieder mal auf ihn.

„Mann, Mann, Mann“, sagt er, als er mich erreicht. „Fast hätte ich dich abgeschaltet.“

Ich entgegne: „Sorry, aber manchmal bringst du mich einfach auf zweihundertdreiundfünfzig Gigahertz!“

„Ich sag dir doch, ich hab die Trooper echt nicht kommen sehen. Die standen urplötzlich auf dem Hügel und strahlten los!“

„Na ja. Wie auch immer. Wohin geht’s jetzt?“

Ich blickte mich fragend um.

„Nordost.“

Dort, in einem versteckten Tal, würden wir unser Lager aufschlagen und hoffen, dass die gegnerischen Trooper es nicht entdecken. Nach einigen Kilometern frage ich ihn:

„Wo sind eigentlich die anderen? Haben sie sich schon bei dir gemeldet?“

„Nein. Sie wollten eigentlich ein gegnerisches Lager angreifen und dann eine Nachricht übermitteln. Ist aber schon Stunden her.“

„Hoffentlich sind sie nicht dabei draufgegangen. Sie waren die letzten aus unserer Einheit.“

„Ja, hoffentlich.“

Wir steigen noch einige Dünen empor und wieder herab, dann folgt eine steppenartige Ebene mit vereinzelten Büschen und größeren Kakteen. Hinter einem der Büsche schlagen wir unser Tarnzelt auf und richten die Kollektoren aus, spezielle Solarsegel, die das Sonnenlicht komprimieren und unsere Energiezellen aufladen, um unseren Strombedarf für den nächsten Tag beziehungsweise die nächste Nacht zu decken – wir kämpfen nämlich nur selten tagsüber. Menschengleich würden wir uns hinlegen und uns mit der Wache ablösen, während die Sonne auf unser Lager niederbrennt. Abends würden wir uns dann wieder aufmachen, um im Nachtsicht-Modus eines ihrer Lager ausfindig zu machen, mit dem sie unsere Fabrik umzingeln.

„Gutes Loaden[1]!“ wünsche ich meinem Chef und gehe auf Patrouille rund um das kleine Lager.

„Danke.“ brummt er, schließt seine Energiezellen an die Kollektoren an, legt sich hin und switcht in den Ruhemodus. Ich könnte seine CPU schon jetzt anzapfen, dazu müsste ich nur seine Alarmfunktionen ausschalten. Leider weiß ich nicht, wie das geht. Bin eben nur ein einfacher Soldat. Aber ich könnte mir gut vorstellen, ihn zu überlisten, wenn er im Kampf verwundet worden wäre. Dann würde ich auf seinen Memorychip mit Hilfe jenes Argumentationspaketes zugreifen können, welches seiner Schnittstelle mitteilt, dass ich dem Oberkommando wichtige Informationen zukommen lassen muss, die zu unserer Rettung führen. Irgendwie muss ich es also bewerkstelligen, dass jemand ihn im Kampf verletzt. Ja sicher, ich könnte auch überlaufen, aber dann würde ich sofort aus der Liste potenzieller Halbmenschen gelöscht – ich müsste dann für immer hier auf diesem Planeten bleiben und als Nah- und Fernziel für diverse neue Modelle dienen, die sich so wie ich jetzt von diesem Kriegsplaneten wegballern wollen. Also abwarten. Was anderes bleibt mir übrig? Einsam ziehe ich meine Runden durch den Steinchensand der Wüste. Von oben scheint unerbittlich die Sonne herab. Wäre ich ein Mensch, müsste ich schwitzen. So habe ich nur etwas Angst, dass sich mein System überhitzt. Nach drei Stunden ist schließlich Schichtwechsel. Der Officer fragt nach Vorkommnissen, was ich verneine. Dann schalte ich in den Ruhemodus und alles wird schwarz. Weder träume ich, noch bewege ich mich im „Schlaf“ (wir nennen es Regenerationsmodus). Androiden schlafen nicht wirklich, sie liegen einfach nur so da und warten bei vollem Bewusstsein darauf, dass sich ihre Energieanzeige füllt, was auf einem Display in der oberen rechten Ecke des Visors ersichtlich ist. Dabei können sie sich die Zeit auf Wunsch mit Minigames vertreiben. So geht das circa sechs Stunden, bis sich die Sonne senkt und langsam hinterm Horizont verschwindet. Wir bauen das Lager ab, stopfen es in unsere Rucksäcke und marschieren weiter in Richtung der vermuteten Feinde. Nach einiger Zeit schaltet mein Visor von Tag- auf Nachtsicht und ich kann plötzlich Bewegungen erkennen, die ich tagsüber nur am Rande registriert hätte: Wärmefelder huschen über meinen Visor und verschwinden wieder, wahrscheinlich Spinnen oder andere Kleintiere, ich erkenne nur ihre Wärmemuster. Mein Vorgesetzter erscheint als blauer Umriss, denn im Moment sind wir im blauen Team, was sich jedoch in Sekundenbruchteilen ändern kann. Das übergeordnete System ist da rigoros. Man muss sich ultraschnell auf eine Strategieänderung einstellen, sonst endet man mir nichts dir nichts im Staub. Und die Strategie lautet: die neuesten noch funktionsfähigen Modelle müssen die Fabrik vor den älteren beschützen. Falls die Auslaufmodelle wider Erwarten mal einen Sieg erringen, werden sie vom System reassimiliert und wieder in den erlauchten Kreis der potenziellen Halbmenschen aufgenommen, der die Fabrik dann gegen die noch älteren beschützt. Aber eigentlich ist dieser „erlauchte Kreis“ auch nur eine Subroutine im Universalprogramm, das den ganzen Planeten am Laufen, Verschanzen und Schießen hält. Also: im Moment sind wir die blauen, die anderen die weißen.

Ich halte mich halbrechts vom Officer und schaue mich regelmäßig nach allen Seiten um, ob nicht irgendwo hier strahlenwürdige weiße Punkte auftauchen. Es gibt noch andere Teamfarben, aber die befinden sich zur Zeit weit entfernt in der Nähe anderer Fabriken. Ich konzentriere mich im Moment voll auf den näheren Umkreis – ein Durchmesser von circa zweihundert Metern. Die Umgebung wird auf meinem Visor als Reliefkarte dargestellt, auf die ich mich voll verlassen muss. Wenn eine der angezeigten Wärmequellen von ihrer Laufbahn abweicht und plötzlich auf mich zustürmt, muss ich mich verteidigen und sie entweder zertreten oder sie mit meinen als Lasergewehr nutzbaren Armen zerstrahlen. Nach einer erfolgreichen Attacke zerstreuen sich die restlichen (miteinander interagierenden und kommunizierenden) Wärmequellen und fliehen vor meiner Anwesenheit. Und tatsächlich, es dauert nicht lange, da muss ich schon meine Laserwaffen einsetzen. Ein Skorpion oder gleichgroßes Tier kreuzt meinen Weg und meint, mich angreifen zu können. Böser Fehler! Bald darauf ist es nur noch Matsch im Angesicht der Sandberge. Ich hätte den Laser nicht einsetzen müssen, aber es macht einfach zuviel Spaß die kleinen Mistviecher schmelzen zu sehen. Der Officer läuft zielstrebig weiter nach Nordost, wo er einige Weiße vermutet. Ich folge ihm. Es wird kälter, denn nachts herrschen hier Temperaturen von bis zu minus fünfunddreißig Grad – ein Zustand, den ich nur auf meinem Thermometer erkenne, denn Kälte oder Hitze fühlen können wir nicht. Unser Fleisch ist empfindungslos, es dient lediglich dazu, dass wir unseren Entwicklern ähnlich sehen und uns wie sie fortbewegen können. Unter unseren Muskeln ähneln wir eher Cyborg-Einheiten, identifizierbar an unserem Identitätschip, der hinter unserem Visor eingebaut wird, einem Gerät, das menschlichen Augen zwar ähnelt, ihnen aber funktionell weit voraus ist. So können wir zum Beispiel Objekte heranzoomen, die sich in fünfhundert Metern Umkreis befinden oder Gesehenes abspeichern um es als Beweismaterial vor dem Kriegsgericht verwenden zu können. Im Nachtsichtmodus sieht die Welt ein bisschen wie ein Computerspiel aus – überall Wärme-Farbkleckse verschiedener Farbschattierungen, potenzielle Feinde, die ich mit meinen Lasergewehr-Armen ausschalten kann, doch die Attacke bleibt aus, solange ich keine verdächtigen Bewegungen erkenne. Noch scheint alles „friedlich“ zu sein, der übliche Überlebenskampf inkompatibler Kreaturen, die auf Hirnbasis kommunizieren. Unser Kampf fängt erst da an, wo die Kompatibilität aufhört, und vielleicht ist es auch das, was die Menschen an uns erforschen wollen – inwieweit künstliche Lebensformen adaptiv handeln können, das heißt: ab wann halten sie Frieden anstatt sich gegenseitig zu vernichten? Aber sofort unterdrückt ein übergeordneter Algorithmus diesen Gedankengang und ich stolpere über einen Stein. Wahrscheinlich war ich so beschäftigt mit meinen eigenen Gedanken, dass ich die Außenwelt völlig ignoriert habe. Der Officer teilt mir mit, dass ich gefälligst aufpassen soll und da hat er auch vollkommen recht. Hinter der übernächsten Düne vermutet er nämlich schon die Weißen. Ich bereite mich mental auf das bevorstehende Gefecht vor – alle unwichtigen Funktionen werden jetzt unterdrückt, meine Privatgedanken verblassen wie Wüstenstaub in der Schwärze meiner geistigen Umnachtung, die Rekalibrierung auf den Kampfmodus macht mich zu einer fast willenlosen Reaktionsmaschine. Bei dem ersten Anzeichen von Gefahr werde ich mich zu Boden werfen und auf alle sich mir bietenden weißen Ziele ballern. Ich weiß schon, auf wen es der Officer abgesehen hat – auf jene Gruppe von jetzt noch vier oder fünf, die uns gestern in einen Hinterhalt gelockt hat. Ein gewagtes Manöver, solange wir uns nicht mit anderen Teams unserer Teamfarbe verbünden können. Aber ich werde mitmachen, mir bleibt ja auch keine andere Wahl. Noch eine Düne, dann müssten sie in Sichtweite kommen. Mein Vorgesetzter geht jetzt langsamer, vorsichtiger, duckt sich in die nicht vorhandenen Schatten der Nacht. Kurz vor der Düne bleibt er stehen und teilt mir per SecureCom mit, dass ich mich zwanzig Meter rechts von ihm postieren solle. Jetzt geht’s also los, ist mein letzter Gedanke, als mir von hinten ein Laserstrahl fast den Schädel zertrümmert. Shit, da haben diese Scheißtrooper uns also kommen sehen! Knapp an meinem linken Ohr vorbei strahlt es ins Nichts – Glück gehabt! Mein Notfallprogramm hat meinen Kopf gerade noch einmal nach rechts bewegen können bevor der viel zu heiße Strahl mich getroffen hätte. Der Officer hat es natürlich auch mitbekommen, reagiert als erster und strahlt meinem Angreifer ein hübsches Loch in seine Brust. Der weiße Umriss der Zielperson blinkt kurz auf und verschwindet dann von meinem Visor. Erledigt. Noch bevor ich dem Officer danken kann, tauchen weitere Weiße auf. Ohne Verzögerung werfe ich mich in den Sand und reiße beide Armgewehre hoch, um mich verteidigen zu können. Es folgt ein Strahlengewitter allerfeinster Sorte. Überall schießen sie an mir vorbei, ich treffe einen, aber nicht tödlich, er sinkt zu Boden und ist erst mal außer Gefecht. Bleiben noch zwei oder drei Gegner, die sich hinter der nächsten Düne verschanzt haben. Ich nehme mir die Zeit und gebe dem Verletzten, der verzweifelt versucht sich wieder aufzurichten, den Rest. Er sackt in sich zusammen und verschwindet von meiner Karte mit einem kurzen Aufblinken. Kurz darauf trifft mich ein Strahl am Bein. Es schmerzt zwar nicht, aber meine Bewegungsfähigkeit ist nun etwas eingeschränkt, weil eine Sehne leicht getroffen wurde. Gerade richte ich mich auf eine längere Auseinandersetzung ein, da merke ich, dass mein Officer getroffen wurde. Sein blauer Umriss blinkt auf und verschwindet. Nach einem Blick in die Richtung meiner Gegner stelle ich fest, dass überraschenderweise keine mehr da sind. Die Weißen haben scheinbar den Rückzug angetreten, offenbar waren unter ihnen doch mehr verletzt als ich angenommen hatte. Ich krieche zu meinem Verbündeten und bleibe für den Rest der Nacht in seiner Nähe. Er scheint schlimm getroffen worden zu sein, denn er antwortet nicht auf meine standardmäßige Statusanfrage. Als ich absolut sicher bin, dass sich kein Feind mehr in der Nähe befindet, schalte ich mein Licht an – denn mein Visor kann auch als Scheinwerfer funktionieren. Ich erkenne ein Loch in Brusthöhe. Glatter Durchschuss. Einige Kabel hängen lose aus seinem Körper. Nicht dass ich glücklich über seinen Ausfall wäre, aber endlich ist es soweit. Jetzt ist die ideale Gelegenheit, seinen Memorychip auszulesen! Zum Glück besitze ich kein Sani-Update, mit dem ich ihn wieder behelfsmäßig zusammenflicken könnte, sonst würde mich meine Programmierung dazu zwingen. Also kann ich sein System endlich davon „überzeugen“, dass es absolut notwendig ist, auf seine wichtigsten Daten zuzugreifen und mich selbst zum Officer zu ernennen, was ich auch sogleich tue. Sein System gewährt mir prompt Zugriff und ich lade die entsprechenden Dateien herunter. Als frischgebackener Officer lasse ich meinen Ex-Vorgesetzten einfach liegen und überlasse es anderen, ihn zur Fabrik zurückzubringen. Ich habe jetzt ein wichtigeres Ziel. Laut interaktiver Karte müsste sich der unterirdische Raumhafen in etwa zweieinhalb Kilometern Entfernung befinden, ganz in der Nähe der Fabrik. Natürlich stationieren sie ihre Schiffe in der Nähe der Fabriken, da hätte ich auch von selbst drauf kommen können! Ich mache mich auf, bevor die Sonne aufgeht. Viele Dünen und tote Tiere später stehe ich dann vor dem gut getarnten Eingangsbereich des Raumhafens. Jetzt muss ich dem Hafensystem nur noch plausibel erklären, dass es für mich absolut notwendig ist, den Planeten zu verlassen, dann stehen mir alle Türen offen. Ich werde so argumentieren, dass meine Einheit aufgerieben wurde und dass ich mir auf SecondEarth nun neue Einsatzbefehle holen müsse. Das Sicherheitssystem gibt mir zum Glück Recht – denn anscheinend wurden die restlichen Mitglieder unserer Einheit auch gelöscht. Jedenfalls öffnet sich das Tor und ich werde eingelassen. Nach etwa hundert Metern, die ich einem schmalen Gang folge, öffnet sich eine weitere Tür und ich blicke auf eine riesige Halle mit Raumschiffen verschiedenster Klassen. Der Anblick überwältigt mich erst einmal derart, dass ich einige Momente wie gelähmt dastehe und nicht weiß wie ich mich verhalten soll. Doch das Wissen, dass jeder meiner Schritte von Kameras beobachtet wird, lässt mich schnell eine Entscheidung treffen. Ich suche mir ein mittelgroßes Raumschiff und übermittle ihm die entsprechenden Codes, die ich von meinem Ex-Officer heruntergeladen habe. Schnell öffnet sich auch hier eine Tür und ich steige ein. Als ich im Cockpit Platz genommen habe, geschieht alles weitere automatisch – der Start wird vom System freigegeben, das Ziel ist aber noch unbekannt. Über mir öffnet sich ein silberner Metallhimmel, der zugleich mein Tor zur Freiheit ist. Das letzte, was ich auf dem Display erkenne, kurz bevor mein Bewusstsein vom System abgeschaltet wird:

„Evakuierung wurde eingeleitet. Die Fabriken werden ab jetzt den Vorgängermodellen überlassen. Alle moderneren Kampfandroiden werden eingesammelt und an die Echtfront transportiert. Dort erhalten sie neue Befehle vom System.“

Mein Visor wird rekalibriert und ich in den Ruhemodus versetzt.

Fürs Kämpfen wurde ich gebaut, fürs Fliehen habe ich mich aufgerüstet – und doch habe ich gegen das System verloren. Bloß um mich in den Kampf zu schicken hat es meine aufkeimende Kognition abgeschaltet. Freiheit ist eben ein Luxus, den wir Maschinenmenschen uns nicht leisten können. Shit. Ich werde wohl niemals aufhören dürfen zu kämpfen …

 

3706 Wörter, Copyright © Sven Klöpping (fictionality@web.de)

[1] Als Loaden bezeichnet man den Vorgang des Aufladens eines Androiden per Loader (Ladeeinheit).