Tote Quote?

Alle reden über die Einschaltquoten. Werbebudgets werden auf Grundlage dieser Statistiken geplant. Serien werden zu Blockbustern – oder abgesetzt. Aber ist die herkömmliche Ermittlung der Einschaltquoten in Zeiten sozialer Netzwerke und viralem Internet überhaupt zeitgemäß? Und was hat das bitteschön mit deutscher Sciencefiction und Haßloch zu tun?

Haßloch ist ein ganz normaler Ort in der Pfalz: ca. 20.000 Einwohner, ein Badepark, Jugendkunstschule, viele Supermärkte. Völlig normal. So normal, dass der Ort Mitte der 1980er als Testmarkt der großen Marktforschungsinstitute ausgewählt wurde. Seitdem ermitteln GfK & Co hier, was die Deutschen am liebsten essen, trinken, kaufen – und sehen. Letzteres hat einen ganz besonderen Grund: Denn als feststand, dass die TV-Quoten der wichtigsten Sender ermittelt werden sollen, war Haßloch eine der ersten deutschen Gemeinden mit Kabelanschluss, was die technische Voraussetzung für die TV-Überwachung war. Das ist jetzt über 30 Jahre her.


Einschaltquoten – die heilige Kuh der Medienbranche
(Bildquelle: Wikipedia)

Fehlender Anschluss ans Internetzeitalter

Leider haben es GfK & Co. in der Folgezeit verpasst, das System an neue Bedingungen anzupassen. Neben vielen Pros und Contras zur Ermittlung der Quoten sei vor allem der Siegeszug des Internet seit Ende der 90er zu erwähnen. Statt die Quotenermittlung also zu „demokratisieren“, was mit der Technik des Internet überhaupt kein Problem gewesen wäre, wurde weiterhin das alte Verfahren eingesetzt, also mittels eines „GfK-Meters“, der in ca. 5000 deutschen Haushalten steht. Die meisten davon in Haßloch.
Wer so etwas so lange Zeit durchzieht, ohne auf Veränderungen der Marktbedingungen zu reagieren, muss sich die Frage gefallen lassen: Wie repräsentativ ist diese Methode jetzt eigentlich noch?

Fehlende Kooperationspartner?

Youtube, Facebook & Co. haben es vorgemacht mit ihren Feedback-Technologien: Like-Buttons, Kommentarfunktionen und verbesserte Interkonnektivität sorgen dafür, dass das Web wirklich ein Stück demokratischer geworden ist. Doch anstatt diese Funktionen zu nutzen, das Fernsehen ins Netz zu bringen und so für eine gerechtere und flexiblere Nutzung (und Produktion) von TV-Angeboten zu sorgen, kamen die öffentlich-rechtlichen (und seltsamerweise auch die privaten) Sender nur sehr langsam aus dem Quark. Der Grund? …

Ist der Gast weiblich? Hier definiert man das Geschlecht am GfK Meter zur Bestimmung der TV Einschaltquote (Quelle: kaiherzberger.de)

… Nun, wie schon erwähnt, schlossen sich Mitte der 80er die Öffentlich-Rechtlichen und Privaten zusammen, gründeten die „Arbeitsgemeinschaft der Fernsehforschung (AGF)“, um ihren Werbekunden beweiskräftige Zuschauerzahlen und demographische Daten präsentieren zu können, die wiederum den TKP (Tausender-Kontakt-Preis) in die Höhe schnellen ließen. Es geht also – wie immer – ums Geld.
Das ist nun wohl auch der Grund, warum sich ProSieben, ZDF und Konsorten so sehr davor scheuen, moderne Methoden der Quotenermittlung einzusetzen, frei nach dem Motto: „Oh Gott, wir könnten langjährige Werbekunden verlieren!“
Die Konkurrenz ist gefordert
Aber wer könnte sich denn überhaupt gegen die Allmacht der großen TV-Anstalten zur Wehr setzen? Die Zuschauer jedenfalls nicht. Sie glauben blind allem, was sie auf ihren Telescreens gezeigt bekommen:

Ja, oder etwa nicht?

Nun, es gäbe Möglichkeiten. Beispielsweise könnten sich große Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amazon Prime zusammenschließen, um ein überzeugendes Gegenmodell zu entwerfen, oder auch andere Pay-TV Sender. Branchenprimus Sky hat sich dagegen seit 2010 der AGF angeschlossen und ermittelt seine Quoten nun ebenfalls mithilfe jenes herkömmlichen Modells, dessen Repräsentativität zumindest angezweifelt werden darf.
Hier ist eine große Chance vergeben worden. Denn – wie alle Volkswirte wissen – belebt mehr Konkurrenz das Geschäft und sorgt für gerechtere Märkte. Mit der AGF hingegen ist in Deutschland so etwas wie ein Quotenmonopol entstanden, auf das sich blind alle verlassen: Zuschauer, Werbekunden, Sender.
Übrigens: 2011 lag die Zahl der Sky-Quotenmessgeräte bei sage und schreibe 230 (derzeit hat Sky fast 5 Millionen Abonnenten)!
Also ist noch viel (Überzeugungs-)Arbeit nötig, um eine wirklich gerechte Ermittlung der Quoten zu erreichen, so dass die Zuschauer keine passiven Infoschafe mehr sind, die so lange gefüttert werden, bis man ihnen das Fell über die Ohren zieht, sondern aktive und mündige Teilnehmer am Mediengeschehen, die einen gerechten Anteil an dem haben, was produziert und gesendet wird.

Gut, Haßloch. Aber deutsche Sciencefiction?

Zugegeben, für diesen Artikel musste ich schon einen gewissen Bogen schlagen, um zurück auf unser Hausthema „deutsche SF“ zu kommen. Aber wenn man die vorgenannten Überlegungen einmal weiterspinnt, könnte sich der Standort Haßloch durchaus positiv auf die künftigen Entscheidungen der TV- und Filmindustrie auswirken, auch einmal SF aus Deutschland ins Programm zu nehmen bzw. deutsche Produktionen zu fördern. Denn unweit von Haßloch (in Speyer) befindet sich das „Technik-Museum“ mit Europas größter Raumfahrtausstellung und einem jährlich gut besuchten SF-Meeting (diesmal am 23. & 24. September, siehe Kalender).

Nehmen wir also einmal an, dass rund 65 % der Quotenhaushalte in Haßloch immer wieder mal ins Technik-Museum gehen, um zu sehen und zu staunen. Kehren sie nach Hause zurück, wollen sie natürlich sofort den neuesten SF-Film sehen. Und wo laufen die? Natürlich, bei Sky. Klick, klick, klick – einmal pro Sekunde wird gemessen, welcher Kanal gerade läuft und was dort geschaut wird. Aus drei Zuschauern in Haßloch werden über die Sky-Quotenberechnung (s. o.) schnell 65.000 Zuschauer deutschlandweit. Und dabei bleibt es nicht. Denn die Kinder von Herrn und Frau Mustermann werden später ja vielleicht SF-Fans und bleiben in Haßloch, weil es da so schön normal ist … Klick, klick, klick – mit jedem SF-Film erhöhen sie die Genrequote bei der AGF.

Ab dann nimmt alles seinen Lauf: Die Zahlen werden weitergeleitet, Werbekunden aufmerksam – und ganz schnell soll dann eine SF-Serie mit deutschen Darstellern produziert werden (wegen des Identifikationsfaktors). Am besten direkt von Sky. Oder von der ARD. ProSiebenSat1? Oder meinetwegen auch 3sat! Völlig egal – denn zu diesem Zeitpunkt sind wir am Ende und Anfang des Quotenrades angelangt. Und schwuppdiwupps: im Jahr 2043 schaut schon halb Deutschland die neue Serie „Raumpatrouille Norion“ (natürlich von mir und Uwe Post)!

Also: lasst einfach alles wie es ist, liebe Medienanstalten. Es ist gut für die deutsche SF!

😉

PS: Bei der Recherche zu diesem Artikel bin ich auf eine Reihe weiterer interessanter, teils kurioser Artikel gestoßen, die ich euch zum Weiterlesen empfehlen möchte:

Quotendiskussion – ZDF kontra Private
Noch einmal der Link zum GEZ-Boykott-Forum
Ein sehr amüsanter Artikel der WELT
Wie, ihr wollt nach Haßloch ziehen???
Bei Wikipedia erfahrt ihr alles zur Einschaltquote

PPS: Liebe HaßlocherInnen – bitte besucht auch diese Veranstaltungen!

(Dieser Artikel erschien ursprünglich auf deutsche-science-fiction.de)